Wir kaufen das Forettle

Wir kaufen das Forettle –
Freizeit- und Einkaufserlebnis Kaufbeuren

von Andreas Weiß

Ich kann die Diskussion um das geplante Fachmarktzentrum im Forettle gut nachvollziehen. Auch ich bin kein Freund einer Schnellschusslösung.
Und auch jedes Argument, welches von Bürgerinnen und Bürgern vorgebracht wird ist berechtigt und sollte angehört werden.

Da die FDP (Kaufbeuren liberal), noch keine definitive Stellung zum Bauvorhaben abgegeben hat, möchte ich als Stadtratskandidat 2014 aber gerne ein paar Sätze dazu verlieren.

In meinem Beruf arbeite ich sehr nah an verschiedenen Zielgruppen. Meine Aufgabe ist es, Menschen von Marken und Produkten zu überzeugen, sie zu begeistern. Dabei steht im Mittelpunkt meiner Arbeit die Marktforschung. Zunächst gilt es zu klären, für wen man seine Arbeit macht und wer dadurch erreicht werden soll.

Im Bezug auf das Fachmarktzentrum im Forettle sind es kaufkräftige Bürger der Stadt, sowie des nahen Umlands. Es gilt den „Hunger“ nach stetiger Verfügbarkeit von Konsumgütern zu stillen. Gleichwohl es ein Ziel sein soll, dass die Altstadt in Kaufbeuren wiederbelebt wird. Weitere rufen nach einem Quartier mit Mischbebauung, also Wohnbau und Gewerbe.

So viele Argumente FÜR und GEGEN.

Eines von vielen GEGEN-Argumenten beim Bürgerforum am 05. November im Stadtsaal Kaufbeuren war die Optik des geplanten Bauvorhabens. Auch ich mit meinen 28 Jahren möchte in meiner Heimatstadt nicht unbedingt einen Glaswürfel stehen haben. Mir wäre es natürlich auch lieber, wenn sich ein solches Fachmarktzentrum an den ‚Look & Feel’, wie man heute sagt, anpasst. Ich denke, dass dann auch viele Bürgerinnen und Bürger weniger Sorgen um den geplanten Bau hätten.

Es ist aber vor allem auch die Größe des Objektes und die Angst die daraus entsteht, dass eine weitere Wohnbebauung durch diesen „riesen Klotz“ inmitten des Gebietes fast unmöglich wird.

Ein anderes FÜR-Argument begründet in der Tatsache, dass auch wir Kaufbeurer immer öfter zum Einkaufen in die umliegenden Großstädte fahren, weil wir glauben dort mehr zu finden, als in Kaufbeuren selbst. Ist das wirklich so? Oder erstreckt sich die große Auswahl in Kaufbeuren nur auf mehrere Standorte in der Stadt? Warum fahren Menschen in die Arcaden nach München? Es ist doch ganz klar der Vorteil kurzer Wege. Aus einem Geschäft ins nächste, überdacht, warm und stets die Möglichkeit eine kurze Kaffee- oder Snackpause einzulegen. Das eigene Auto – wenige Stockwerke unter mir.

Das dies ein Grund ist, bewahrheitet sich meist in den kalten Monaten des Jahres. Nur die Wenigsten möchten bei Schnee und kaltem Wind durch die Stadt „rennen“,  lange Wege von Geschäft zu Geschäft zurücklegen und im Anschluss mit den Händen voller Tüten durch den Schnee zum Auto laufen.

Hätte Kaufbeuren ein solches Fachmarktzentrum, oder „MALL“, dann wäre zumindest dieser Wunsch Vieler befriedigt. Aber reicht das aus?

Stadtflucht 2.0 – aus der Kleinstadt ins Einkaufsparadies

Städte wie München locken auch mit sog. Concept-Stores. Das sind Geschäfte wie ein Lush oder The Body Shop, die auf kleinen Flächen und hübsch dekoriert z.B. Körperpflegeprodukte verkaufen, die meist als Geschenk dienen. Oder Geschäfte, die sich rein auf Haarkosmetik beziehen – auch wenn ein Drogeriemarkt DM oder Rossmann mit einem ähnlichen Sortiment dienen kann. Jedoch hat der Verbraucher das Gefühl, dass sich Mitarbeiter eines Ladengeschäftes, mit nur einem Produktsortiment, besser auskennen und eine fachliche Beratung leisten können, die in Drogeriemärkten mit Vollsortiment – also selbst Getränke, Kleidung, Spielwaren etc. – oft nicht zu finden ist. Solche kleinen Stores (Geschäfte) rentieren sich wirtschaftlich aufgrund einer relativ kleinen Fläche (=geringe Mieten), wenig Personal und einen günstigen Einkauf (=z.B. aus Fernostproduktionen). Sie benötigen aber auch genügend Laufkundschaft. Bietet Kaufbeuren genügend kaufkräftiges und kaufwilliges Publikum?

Muss ein Store immer nur verkaufen? Ein Beispiel: Es gibt tatsächlich auch andere Gründe, warum Marken z.B. in Tourismus-HotSpots ein Ladenlokal betreiben. Werbung. Nicht dass sich ein Tourist beim Salzburgbesuch unbedingt neue Kleidung im H&M kaufen würde (das kommt schon vor), das Ziel liegt aber viel mehr in der Werbung. Wenn Sie an bekannten Orten eine Marke wahrnehmen, steigt ihr Wert in Ihrem Unterbewusstsein an und sie sind stolz darauf, dass „selbst Kaufbeuren“ einen H&M hat – das gibt Ihnen das Großstadtgefühl. Aber ist Kaufbeuren ein touristischer HotSpot?

Wo ist die Meinung der Bürger von morgen?

Als junger Mensch, Kind und Bürger der Stadt Kaufbeuren finde ich es sehr schade, dass sich gerade die junge Generation nur sehr vereinzelt mit diesem Thema befasst. Sind es schließlich sie, die in 30-40 Jahren mit einem solchen Fachmarktzentrum „leben“ müssen. Sie sind es, die in den kommenden Jahren die Zielgruppe für dieses Vorhaben sind. Der Trend geht zur Konsumgesellschaft. Und das bedeutet, je weniger Auswahl (wir sprechen nicht vom reinen Angebot, sondern von Vergleichsmöglichkeiten), desto weniger Kunden wird Kaufbeuren in Zukunft haben.

Der Ausbau einer B12 oder die Elektrifizierung der Bahnstrecke macht dann noch mehr Sinn, weil die 20-jährigen von heute in zehn Jahren zum Einkaufen von Fachartikeln, Geschenken etc. die Stadt verlassen müssen.

„Alte“ Geschäfte sterben aus und werden von den großen Marken und Ketten ersetzt – nur dann eben nicht in Kaufbeuren. Die Flächen in der Altstadt sind nicht geeignet für Elektrofachmärkte, die ihre Waren auf x-tausenden Quadratmetern präsentieren wollen und müssen, weil es der Hersteller von Produkten so will und auch dafür bezahlt.

Man muss viel tiefer ins Marketing und die Geschäftsverzweigungen der heutigen Konzerne eintauchen um zu verstehen, wo die Reise hingehen muss und dass wir als Bürger nicht vorschreiben können, wie ein Unternehmer seine Flächen gestaltet. Und glauben Sie mir – Sie zahlen doch jetzt schon alles mit. Jeder Lichtspot im Geschäft, die Heizung, das große Sortiment, das Lager, die Verkaufsflächengestaltung – alles wird von Ihnen bezahlt.

Sprechen wir doch noch einmal über die Fassade des Fachmarktzentrums. Ja, auch ich will eigentlich keinen Glasbau. Es gibt auch Gestaltungsmöglichkeiten, die das Prinzip „MALL“ ermöglichen und dennoch den Kaufbeurer Charme zeigen können.

Aber möchten Sie in  Zukunft zehn Prozent mehr für Ihren Einkauf bezahlen, damit wir ein Fachmarktzentrum mit Mittelalter-Optik bekommen? Glauben Sie, dass Kaufbeuren dann noch Konkurrenzfähig ist, wenn man 40 km weiter für sein Geld mehr bekommt?

Schon heute Fahren Kaufbeurer acht Kilometer Umweg um für zwei Cent günstiger zu tanken. Ob sich die Ersparnis von knapp 1 Euro (bei einem 50-Liter Tank) dann wirklich lohnt sei dahingestellt. Aber so denkt und handelt der Kunde nun mal.

Wir kaufen das Forettle

Es gibt eine ganz einfache Lösung um das Forettle zu Dem zu machen, was Sie sich als Bürger wünschen. Erarbeiten Sie sich – zusammen mit 5.000 Kaufbeurern – ein Konzept, so wie Sie sich das Forettle wünschen und werden Sie sich einig. Dann gründen Sie eine Aktiengesellschaft und investieren Sie je 10.000 Euro. So kämen 50 Mio Euro zusammen. Mit 50 Mio Euro finanzieren Sie nicht nur Verkaufsflächen, Wohngebäude und Gewerberäume, Sie können auch in der Gestaltung frei agieren. Zudem erhalten Sie z. T. Renditen aus dem Umsatz des Fachmarktes, sowie an der Vermietung von Wohnflächen und dem Verkauf von Baugrundstücken. Das klingt vielleicht etwas „einfach“ – das ist es theoretisch auch.

Nur wären Sie dann selbst Investor und müssten die Preise vorschreiben. Also den Gewinn, den Sie mit Ihrer Investition erzielen möchten. Ich bin gespannt, ob Sie es schaffen auf große Gewinne zu verzichten, damit Menschen einen bezahlbaren Wohnraum erhalten. Zuzutrauen wäre es Ihnen allen. Warum also nicht umsetzen? Wir kaufen das Forettle.

Einkaufs- und Freizeiterlebnis Kaufbeuren

Wenn wir mit dem Markt und den heranwachsenden Konsumenten gehen wollen, dann müssen wir das Einkaufs- und Freizeiterlebnis in Kaufbeuren attraktiver machen. Eine größere, zentralisierte Auswahl an Angeboten in einer „MALL“ und Concept-Stores in der Altstadt. Hierfür wären die Gebäude im Stadtkern sicher geeignet. Zudem muss das Freizeitangebot optimiert werden. Verzeihen Sie mir die kurze Fantasie: Was wäre denn mit einer Bowlingbahn, einer Nacht-Turn-/Sporthalle, einer Konzerthalle, Indoor-Kinderspielplatz, kleinen Bistros, Kindergarten, KITA und anderen Freizeit- und Serviceangeboten im Fachmarktzentrum? Müssen es denn nur Geschäfte sein, oder würde es nicht Sinn machen, das Angebot zu erweitern? Hätten wir dann nicht noch mehr Potenzial? Menschen, die von Außerhalb nach Kaufbeuren kommen um Freizeit zu verbringen und diese mit einem Gang durch die Stadt kombinieren?

Eine spätere, bessere Verkehrsanbindung an die Stadt sorgt für Einkaufs-Tourismus und auf Kurz oder Lang auch zu einem Zuwachs der Kaufbeurer Bürger. Denken wir doch mal in 20-Jahren und nicht an das Glashaus von heute. Wie können wir das alte Bundeswehrgelände später nutzen? Kaufbeuren hat meiner Meinung nach gerade eine ganz große Chance – diese sollten wir JETZT nutzen.

Ich hoffe Sie erkennen, wie schwierig es ist ein solches Projekt zu handhaben. Und ich wiederhole mich gerne, wenn ich sage, dass auch ich keinen Schnellschuss im Forettle sehe. Politik und Bürger müssen agieren und nicht immer reagieren. Wir brauchen ein Erfolgskonzept und keine Argumente, wie „es schadet uns doch nichts“. Wir sollten uns dennoch schon heute Gedanken machen, agieren, und das Thema schnell vorantreiben – jeden Tag ohne Tat werden wir wirtschaftlich bezahlen müssen. Andere Städte rüsten auf und Kaufbeuren?

 

Bedenken Sie bitte immer: wenn Sie nichts unternehmen und Ihre Ideen vorbringen oder selbst aktiv werden, entscheiden Andere – über Ihren Kopf hinweg – ob Sie das wollen, oder nicht.
Gerne würde ich noch viel detaillierter schreiben, aber mein Ziel ist es nicht den nächsten Allgäu-Krimi „Forettle“ zu schreiben. Ich würde mich aber freuen, wenn Sie uns bei unserem nächsten ‚Café liberal’ in Kaufbeuren oder Neugablonz besuchen – Sie sind herzlich eingeladen.

 

Ihr Andreas Weiß

 

 

Zum Autor:

Andreas Weiß (28) ist in Kaufbeuren geboren und aufgewachsen. Der selbständige Unternehmer betreibt eine Event- und Kommunikationsagentur in
München. Nahezu täglich pendelt er, gemeinsam mit seiner Frau, von Kaufbeuren in die
Landeshauptstadt. Für die FDP Kaufbeuren vertritt er den Bereich „Kultur & Tourismus“.