Vollsortiment Contra Fachhandel

Vollsortiment Contra Fachhandel

Ein Kommentar von Andreas Weiß

In der aktuellsten Kaufbeurer Politik-Diskussion geht es immer noch um das Thema Altstadt. Direkt mit diesem Thema verbunden: Der geplante Möbelmarkt am Bavariaring sowie das Fachmarktzentrum im Forettle.

Warum wird hier heiß diskutiert?
Die Kaufbeurer Innenstadt beheimatet eine Vielzahl von Einzelhändlern, die überwiegend einem Fach- und Spezialangebot nachgehen. So findet man viele Geschäfte, die sich auf ein oder wenige Warensortiment(e) konzentrieren und dadurch nicht nur eine größere Auswahl, sondern auch eine bessere Beratung zum Sortiment anbieten können.

Zu den Angeboten zählen Bekleidung, Ausstattung, Haushalt, Drogerie, Schuhe, Optik, Foto/Video und Einiges mehr.

Nun besitzt die Kaufbeurer Innenstadt keinen LEH (Lebensmitteleinzelhandel) mehr, was dazu geführt hat, dass die Altstadt von Bürgern nicht mehr für den Einkauf des täglichen Bedarfs besucht wird. Einzige Ausnahme ist wohl der Wochenmarkt. Das bedeutet im Klaren: Wer keine der Waren in der Altstadt benötigt, der wird auch nicht in die Altstadt gehen. Und damit bleibt auch die werbliche Kommunikation mit den Konsumenten aus.

Wie funktioniert diese werbliche Kommunikation?
Tagtäglich werden wir von tausenden, sogar Millionen Werbereizen erreicht. Sie dienen einer einzigen Aufgabe: Chance auf Befriedigung (Bedarfsdeckung).

Ein Beispiel: Wer sich zuhause die Hände wäscht und feststellt, dass ihm die Seife ausgeht, der merkt sich (oder schreibt sich auf), dass er neue Seife benötigt. Beim nächsten Einkauf steht also „Seife“ auf dem Einkaufszettel. Seife ist ein Artikel des täglichen Bedarfs und findet man in Drogerien, wie auch im gut sortierten LEH.

Es gibt aber auch Reize, die uns unterbewusst einen Bedarf melden, die nicht zum täglichen Bedarf zählen.

Auch hier nur ein Beispiel: Sie erhalten einen Anruf, dass Freunde zum Essen kommen möchten. Sie sehen nach, was Sie alles dazu benötigen. Ihr Wunsch ist ein sehr aufwendiges Essen – wie im Restaurant. Kurzfristig wird Ihnen beim Betrachten von Besteck und Tellern klar, dass Sie gar kein Restaurantniveau erreichen können. Einer der Teller hat sogar schon einen Makel. Sie wollen aber aktuell nicht zu viel Geld investieren und merken sich „irgendwann wünsche ich mir ein schönes Service“.

Solche Gedanken schreiben Sie nicht auf die nächste Einkaufsliste, sondern Ihr Kopf merkt sich das und verbindet es mit eindringlichen Erlebnissen. An Weihnachten werden daher viele Teller und Tassen gekauft, aber auch im Sommer, wenn es an die Hochzeiten, die Umzüge in neue Wohnungen geht, auch dann kaufen wir neue Haushaltswaren.

Der Einzelhandel kennt die Termine Ihrer Bedürfnisse sehr gut und kann gezielt damit werben. Nicht aus Zufall gibt es im Frühjahr (Umzugszeit) Wandfarben, Umzugskartons, Reinigungsartikel und im Herbst (Wetterumschwung) Autozubehör und Gartengeräte.

Das Problem „Vollsortiment“

Kaufbeuren bietet viele Spezial-Geschäfte, die Ihnen beste Auskunft und Beratung zu den Produkten geben können. Hinzu kommen eine meist perfekt gelöste Warenpräsentation, sowie die Wahl zwischen vielen verschiedenen Qualitäten und Marken.

Nun haben es viele Marken so an sich, dass sie etwas teurer sind, als das zur Verfügung stehende Budget. Die große Präsentationsfläche und die Fachberatung kosten zudem auch mehr Geld, als wenn keine Kundenberatung stattfindet. All das wirkt sich auf den Preis aus.

Damit aber auch der kleine Geldbeutel zu seinem neuen Service kommt, bieten viele Fachgeschäfte auch günstigere Produkte und Marken an. Das heißt: Sie können auch im Fachhandel ein Schnäppchen machen.

Sogenannte Vollsortimenter, also Geschäfte, die neben Lebensmitteln auch viele andere Warengruppen anbieten (V-Markt, real u.A.), erreichen die Kunden regelmäßig. Nämlich immer dann, wenn sie Waren des täglichen Bedarfs einkaufen.

Hier kommt dann der nächste Wandel unserer Gesellschaft zum Tragen: Zeit.

Wir haben immer weniger Zeit. Obwohl sich unsere Kommunikation in den vergangenen zwei Jahrzehnten stark gewandelt und z. T. verbessert hat, haben wird dadurch keine Zeit gewonnen, sondern einfach unsere Taktung erhöht.

Mit der neuen Taktung kommen neue Bedürfnisse. Essen holt man am Drive-In, das eigene Auto kann während der Parkzeit im Parkhaus gereinigt werden und…. im Lebensmittelmarkt von heute kaufen wir Kleidung, Elektroartikel, Deko und Haushaltswaren. Aber auch in einem Bau- und Möbelmarkt ist das Warensortiment mittlerweile stark ausgeweitet worden.

Und damit wird das Problem deutlich und nachvollziehbar.

Für den Kunden ist der Vollsortimenter eine klasse Sache – für den Unternehmer, den Betreiber eines Fachgeschäftes und seine Arbeitsplätze, die er in Kaufbeuren bietet – allerdings ein langsamer Tod.

Deswegen müssen Projekte, wie ein Möbelmarkt oder das Fachmarktzentrum im Forettle mit großer Vorsicht geplant werden.

Was können wir tun?

Noch bevor wir in der Politik dafür sorgen, dass Warengruppen an bestimmten Standorten „verboten“ werden und die Infrastruktur verbessert wird, muss ein erster Appell an uns selbst, die Konsumenten gehen. Jedes Mal, wenn wir das Vollsortiment nutzen, sorgen wir dafür, dass die Innenstadt ein Stückchen kleiner wird. Aber auch Eigentümer, also die Vermieter von Verkaufsflächen in der Kaufbeurer Innenstadt müssen sich Gedanken machen. Denn auch überzogene Mieten kann sich der Einzelhandel bald nicht mehr leisten.